LOCKER ROOM TALK 2019


LOCKER ROOM TALK by KATHRIN RETTIGoriginally published in Der Feminist (2020)


Normalerweise ziehen sich die Spieler der Rugby-Nationalmannschaft ihre Trikots an, wenn ein Fotoshooting ansteht. Dieses Mal haben sie sich für uns „ausgezogen“ und dabei mit uns über Männlichkeit, Leistungsdruck und Frauenfeindlichkeit im Sport gesprochen. Männliche Sportler haben mit zahlreichen Vorurteilen zu kämpfen. Dank des amerikanischen Präsidenten Donald Trump steht beispielsweise der Begriff „Locker Room Talk“ stellvertretend für die Annahme, dass Männer sich hinter verschlossenen Türen über sexistisches Verhalten und Gewalt gegenüber Frauen lustig machen würden. Der US-Sportjournalist Bill Pennington hatte auf die Aussage Trumps, der damit versuchte seine eigenen inakzeptablen Äußerungen über Frauen zu rationalisieren, bereits damals Partei für den Ruf männlicher Sportler ergriffen. „Ich habe sicherlich widerwärtige Prahlereien und plumpe Sprüche über die Eigenschaften eines vergangenen Dates oder einer neuen Freundin gehört - Ehefrauen kamen dabei nie vor – aber etwas, das als Missbrauch bezeichnet werden könnte, kam dabei nie zur Sprache. Nicht mal annähernd.“ Auch wenn ich die Meinung von Pennington nicht zu hundert Prozent teile, dass es reicht um die Vorurteile zu entkräften, hat es mich doch interessiert, wie es wirklich zugeht in einer Umkleide voller Männer. Geht es hinter verschlossenen Türen wirklich so eintönig zu? Ist Gleichberechtigung ein Thema? Und welches Bild haben die Sportler von sich und auch von Frauen?

HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN

Annika, die Fotografin, und ich haben zwei Stunden Zeit um das herauszufinden. Für die Mannschaft steht heute der letzte große Fitness-Check des Jahres an. Davor bitten wir sie in der Kabine zum Gespräch und vor die Kamera. Marvin und Ben machen den Anfang. „Ich bin momentan nicht ganz in Bestform“ entschuldigt sich Marvin, dabei kneift er sich lachend in das bisschen Bauchspeck das er hat. Marvins rechte Schulter ziert ein Muster der Māori. Solche Tätowierungen tragen viele Rugby-Spieler. Die Māori sind die indigene Bevölkerungsgruppe Neuseelands, deren Nationalmannschaft unter dem Namen „All Blacks“  auf eine erfolgreiche Historie blicken kann. Einem breiteren Publikum sind sie aber vor allem für den sogenannten Haka Tanz berühmt. Dieser wird im Sport als Mittel der Einschüchterung von Gegnern, angelehnt an die kriegerische Auseinandersetzung der Teams, vorgetragen. An Krieger erinnern weder Marvin noch Ben in diesem Moment.

Ich beneide die Offenheit, mit der sie ihre Körper präsentieren und beurteilen. Mich interessiert, worauf sie bei Frauen achten, wenn sie sich schon bei ihren eigenen Körpern so akribisch um Fettanteil und Muskelmasse kümmern. „Ach da sind wir nicht so streng. Die meisten von uns mögen schon sportliche Frauen“ sagt Ben. „Aber für mich darf schon was dran sein, mit knochigen Models können wir aber glaube ich alle nicht viel anfangen“ fügt er lachend hinzu. Wie über Frauen in der Kabine gesprochen wird? Natürlich würden sie über Frauen reden, aber sie seien auch nicht Thema Nummer eins: „Wir erzählen schon ab und an von einem Date oder Streit mit der Freundin. Respektlos redet dabei aber keiner über Frauen.“

Auch wenn ich nicht ganz glauben kann, dass nicht doch auch mal der ein oder andere blöde Spruch über Frauen gemacht wird, scheint mir Respekt vor Frauen allgemein, für die Männer selbstverständlich zu sein. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich mich Ernst genommen fühle während wir uns unterhalten. Auch Annika wird mir nach dem Shooting erzählen dass sie sich noch nie so wenig Kommentare von Männern habe anhören müssen, dazu wie sie die Kamera bedienen müsse oder aus welchem Winkel es sich bestimmt noch viel besser fotografieren lasse.

MÄNNER MIT GEFÜHLEN

Seit der ehemalige Englische Rugby-Nationalspieler Kearnan Mayall und andere namenhafte Spieler offen über ihre psychischen Probleme reden, hat sich einiges getan. SportlerInnen fangen an mit den Klischees zu brechen, denen sie unterliegen. Dabei kämpfen sie nicht nur gegen Stereotype an, sondern auch gegen Intoleranz in den eigenen Reihen. Neben psychischen Problemen, sind auch andere als heterosexuelle Orientierungen im Sport lange ein Tabuthema gewesen. Ich frage Niklas, der erst später zum Shooting dazu gestoßen ist, ob es innerhalb der Mannschaft ein Problem sei, wenn jemand sich outen würde.  „Wir haben damit gar kein Problem. Für uns macht es keinen Unterschied, ob jemand hetero- oder homosexuell ist. Uns ist aber bewusst, dass das durchaus ein Problem ist vor allem in medienwirksameren Sportarten wie Fußball, American Football oder Basketball.“ Dass die Medien sich auf homosexuelle Sportler noch wie Jäger auf Beute schmeißen, bewiesen die Schlagzeilen um das Outing von Rugby-Legende Gareth Thomas 2009. Das liegt bestimmt zum einen an der verschwindend geringen Zahl der prominenten Sportler, die öffentlich zu ihrer Homosexualität stehen, zum anderen aber vielleicht auch an dem konservativ-traditionellen Männerbild, das viele Spieler verkörpern müssen, weil das Publikum und die Werbepartner daran gewöhnt sind. Wie lässt es sich also erklären, dass ausgerechnet im Rugby ein frischer Wind zu wehen scheint?

Rugby habe nicht nur in Bezug auf den Umgang mit psychischen Krankheiten, sondern eben auch in diesem Fall eine Sonderstellung, glauben die Spieler des Deutschen Kaders. Respekt stehe an erster Stelle – abseits und auf dem Spielfeld. So brutal es manchmal wirke, Regeln halte man ein. Den Schiedsrichter oder die Gegner zu beleidigen oder anzugehen, gilt im Rugby nicht als „die feine englische Art“. In Rugby-Kreisen wird in diesem Kontext gern Oscar Wilde zitiert, der gesagt haben soll: „Fußball ist eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart und Rugby ist eine von Gentlemen gespielte Raufbold-Sportart“.

VIEL GELD ABER KEIN GEWISSEN

Die Spieler sagen, sie halten die Regeln ein. Doch wie wirkt sich die erlaubte Brutalität und  Ruhm auf die Vorbildfunktion der Sportler aus? Wie Männlichkeit definiert wird,  hängt mitunter davon ab, wie sich als besonders maskulin geltende Männer benehmen. Spitzensportlern ist nahezu jegliches Verhalten erlaubt, solange sie dabei ihre Männlichkeit wahren. Sexskandale, Prügelattacken oder Steuerhinterziehung scheinen lange nicht so schädlich fürs Image, wie das Eingestehen menschlicher Schwäche oder Ängste. So hat es weder dem Ansehen, noch dem Geldbeutel von Cristiano Ronaldo geschadet, dass er beschuldigt wurde eine Frau zum Sex gezwungen zu haben. Neben dem lapidaren Umgang mit strafrechtlichen Vorwürfen gegenüber männlichen Sportlern, steht dem neuen Männerbild im Sport auch die wachsende Popularität der sogenannten Vollkontakt-Sportarten entgegen. Es darf getreten und geschlagen werden, Regeln gibt es kaum. In Deutschland war die Ausstrahlung von MMA-Profikämpfen zwischen 2010 und 2014 aufgrund der Brutalität des Sports verboten, weil sich immer wieder Sportler schwerste Verletzungen dabei zuziehen. Dennoch verdienen Kämpfer in der UFC mittlerweile Millionen mit Preisgeldern und Werbeverträgen.

Auch im Team der Deutschen Nationalmannschaft sind einige der Spieler, die heute anwesend sind verletzt. Wolfram zum Beispiel hat sich vor einigen Wochen den Unterschenkel gebrochen und geht auf Krücken. „Wir verletzen uns alle mal.“ Das sei das Risiko, welches Spitzensport mit sich bringe.

TEAMGEIST UND KONKURRENZ

Die Spieler, mit denen ich mich an diesem Tag in der Kabine unterhalte, wissen welches Image auch Rugby teilweise noch anhaftet. Keiner der Spieler streitet ab, dass es im Rugby zur Sache geht. Der Wettbewerb sei hart und jeder möchte Bestleistungen erzielen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Männer noch etwas anders verbindet, als der Wille zu gewinnen, nämlich Teamgeist. Selbst die Nationalspieler verdienen gerade so viel, dass sie davon leben können. „Jeder von uns studiert oder arbeitet in der trainingsfreien Zeit. Von hoch dotierten Werbeverträgen und medialer Aufmerksamkeit kann man in Deutschland bis jetzt leider nur träumen“, erklärt Niklas. Auf die Frage, was ihm Halt gebe, wenn Sport und Uni mal zu viel würden, sagt er ohne zu zögern: „Meine Freundin und meine Familie.“

GANZ NORMALE MENSCHEN

Keine überraschende Antwort von einem jungen Mann, der seine Zeit und seinen Ehrgeiz dem Sport widmet. Wie bei anderen Sportarten ist es auch im Rugby nicht selten, dass die Spieler schon jung in festen Beziehungen sind. Dass auch Männer, die nicht Single sind, sich frauenfeindlich äußern können steht außer Frage. Dennoch wirkt es unbedacht männlichen Sportlern allgemein sexistisches Denken zu unterstellen. In der Kabine der 7er-Nationalmannschaft herrscht zumindest an diesem Tag ein Klima, dass es schwer macht am Klischee des „Locker Room Talks“ festzuhalten. Wer hinter jeder Kabinentür Sprüche à la Trump oder Suff-Stories erwartet, irrt sich gewaltig. Das Auftreten der Sportler spricht eine andere Sprache. Klar, sie sind Männer mit mehr Muskeln als der Durchschnitts-Mann und sie haben ein gesundes Selbstbewusstsein aber der Sport lehrt sie auch Schwäche zu zeigen und Niederlagen zu verkraften. Die Gespräche mit den Sportlern an diesem Tag sind alles andere als oberflächlich, sie offenbaren die Seite, die den Medien, den Sponsoren und auch dem Publikum meistens verborgen bleibt: ihre Menschlichkeit. Dabei ist es sicherlich keine neue Erkenntnis, dass auch Sportler nur Menschen sind – aber es widerlegt dass Männer hinter verschlossenen Kabinentüren „ihr wahres Gesicht“ zeigen. Ganz im Gegenteil, ich habe das Gefühl, dass „Locker Room Talk“ in der Realität den Männern sogar die Möglichkeit gibt, offen über ihre Gefühle zu sprechen. Dass dabei nicht auch mal die ein oder andere abfällige Bemerkung über Frauen gemacht wird oder politisch inkorrekt Begriffe fallen, ist nicht auszuschließen. Wichtiger ist aber der Sportgeist der heute unter Beweist gestellt wurde, indem die Männer gezeigt haben, dass sie offen für den Diskurs sind und mit dem Fotoshooting vielleicht einen Stein ins Rollen bringen konnten in Richtung Zukunft.